Mein gestörtes Verhältnis zum Mindesthaltbarkeitsdatum
Dienstag, 16. April 2002Erik
Ich bin ein penibler Spießbürger erster Klasse, wenn es um Mindesthaltbarkeitsdaten geht, ein Fürchtegott modernen Auszeichnewesens, ein Sherlock Holmes der Unterseite und des Deckelrandes.
Ein zwei Tage abgelaufener Joghurt wandert bei mir ungesehen in den Müll, eine vier Tage zu alte Suppe aus der Dose schmeiße ich, metaphorisch gesehen, im hohen Bogen aus dem Fenster und Dinge ohne Haltbarkeitsdaten fasse ich nur mit einer sterilen Zange an.
Immer wieder tauchen jedoch Menschen in meinem Leben auf, die eine geradezu saloppe Beziehung zu diesem Thema haben. Sie sagen für gewöhnlich: „Wat soll dä Quatsch? Da steht mindest, leisetreterisch, ängstlich bemessen usw.“ Ich aber sage Euch: Da steht Lebensmittelvergiftung, Unverträglichkeitsreaktion, Tod und Verderben.
Neulich begab es sich, dass mir kochendes Wasser über den Rücken geriet, was an sich ja schon unangenehm genug ist, jedoch wollte man die Wunde mit einem Salbenverband abdecken der bereits im März 1999 abgelaufen war, ranzig und braun sollte er auf meiner Alabasterhaut kleben. Ich rannte Zeter und Mordio brüllend davon und schloss mich im Keller des Wüterichs ein.
Doch, was musste mein armes Herz erblicken! Eine Brutkammer des Verderbens, Vergehens, Verwesens und aller sonstigen Ver- Wörter.
Ich stieß auf Artischockenherzen abgelaufen 1988, Bambussprossen von Läden die vor hundert Jahren Pleite gemacht haben, Nudeln von 1990, Medikamente von1960, Gasflaschen mit abgelaufenem TÜV, Dosen mit alten Postleitzahlen, Made in West Germany und das alles mit brennenden Rücken.
Was soll ich sagen, der Rücken heilt langsam, der Riss in meiner Seele wohl nie, niemals, Verfallsdatum 1.000.000.000 sozusagen.
Gehet alle hin in die Keller eurer Großeltern, Eltern und sonstiger potenzieller Sünder und suchet mir das am weitesten abgelaufene Produkt.
Dieses wollen wir zur Schande des Betreffenden in unserem weisen Blättchen veröffentlichen.