Helpensteins historische Nachrichten IV

Dienstag, 8. Januar 2002
Leon Helpenstein
Hach! Wie herrlich irrational ich diesen Winter doch bin! Vor einigen Monaten noch hätte ich nicht im Traum daran gedacht, esoterische Abende mit Sitahr spielen zu verbringen und dabei Roibush (oder wie heißt der?)-Tee zu trinken. Da hätte ich sicher verzückt gerufen: "Nein! Niemals! Ich werde niemals zum Esoteriker, der auf einem Hanfsamenkissen sitzt und Sitar spielt." Aber jetzt? Der Winter kam und um mich herum versank alles in tiefster Depression, die Mitmenschlein ließen die Köpfe hängen wie die ungegossenen Primeln, ernährten sich nur noch von Johanniskraut und Lichttherapien, Vitamin-C-Kapseln und hochdosiertem Morphium intravenös (das letzte war durchaus übertrieben und könnte so in gedruckter Form auf keinen Fall stehen bleiben, aber in einem schnelllebigen Teckno-Internet-Magazin, oder auch e-zine, ist so etwas ja wirklich nichts besonderes, und hier darf man sich schließlich jede noch so politisch unkorrekte Bodenlosigkeit erlauben!). (Moment mal, apropos modernes Leben, Lifestyle und fashion: habe ich da eben das Wort schnelllebig wirklich mit drei l´s geschrieben? Ist das o.k. für den Leser? Ihr seid o.k. Ich bin o.k. Alle sind gut drauf und furchtbar schnelllllebig, Big in Berlin sozusagen, fantasma pur, mega urban (urban cookie colllektive, Dancefloor Projekt Anfang der 1990er Jahre, Anmerkunjg des Verfassers) und definitiv mondän, hups!) Lassen wir das! Ich wollte doch über meinen esoterischen Winter schreiben. Jedenfalls stürze ich mich in einen solchen, weil da draußen alles so ist, wie es in der vorangegangenen Klammer vom Autor dieses Textes anschaulich beschrieben worden ist.

Während also alle sich Psychopharmaka durch die Nase ziehen und krampfhaft versuchen, nicht daran zu denken, dass gerade Winter ist, lasse ich alles völlig nostalgisch auf mich zu schwämmen und genieße in ganzer Kraft. Obwohl mir mein Gleiten und Treiben fast schon gespenstisch vorkommt, verglichen mit einem völlig rationalen Frühjahr oder einem leichtfüßigen Sommer am Strand von Malibu. Jetzt ist alles anders. Ich nehme Vitamine in Frucht- und nicht mehr nur in Cocktail-Form ein, esse Nüsse und Schokolade und habe gar fast ein kleines Bäuchlein angesetzt, aber nur ein kleines. Meine Seminararbeit über Mythen und Kultplätze verschlingt mein ganzes Sein, dazu lausche ich Genesis-Musik. "Aber doch wohl nur mit Peter Gabriel!" wird da der Chor der pseudointellektuellen Studienräte grummeln. Mutig und tapfer ergreife ich Mandoline, Querflöte und meine Mittelalter-Leder-Schlappen-Schuhe (eigentlich sind es Mokassins aus einem Indianer-Laden in der Düsseldorfer Altstadt) und trete den Nörglern eisig entgegen: "Nein, auch noch mit Phil Collins, aber nur die pompöse Epoche!" rufe ich lauthals in den Winterwind und meine damit die sublimsten Syntheshizer-Orgasmen (schnöder Feuilleton-Jargon, überflüssiges Blähwort, Anmerk. des Verf.), die sich je auf einer Genesis-Platte tummelten. Aber auch meine Ethno-Weltmusik-CD-Sammlung und Pink Floyd tun ihr Bestes, um mir den Winter zu esoterisieren.

Neulich las ich ein Buch über Alltagsleben im Mittelalter aus dem Jahre 1981. Im Vorwort hierzu folgender Gedanke: "Ich gehe durch die Fußgängerpassage und sehe ein junges Pärchen. Sie trägt Jeans-Hosen und ein rotes T-shirt, er hat ein Bandabspielgerät in der Hand und trägt Kopfhörer an den Ohren. Zu den Klängen der Abbas, Pink Floyd oder James Last lässt sich das junge Paar treiben. Was wohl die schlesische Bäuerin dazu gesagt hätte, die um das Jahr 1500 ihr Feld bestellt?" Ein herrlicher Vergangenheitstrip. Yeah! Die Abbas, Pink Floyd und James Last. Natürlich, wer auch sonst. Sie waren schließlich das Superband-Trio des Jahres 1981. Da hat Professor Arno Borst aus Freiburg mal wieder voll ins Schwarze getroffen. Der wusste noch Bescheid, was in studentischen Kreisen so los ist, Samstag vormittags in deutschen Fußgängerpassagen. Kürzlich, am Anfang meiner esoterischen Phase, bin ich in einen Ethno-Laden gegangen, wo der schwule Inder mit der Glatze und der Nickelbrille eine deutsch-indisch-homoerotische Geschäftsbeziehung zu einem Deutschen mit Glatze und Nickelbrille aufgenommen hat, und diese beiden dann Teebaumöl, peruanische Strickmützen und Mohrrüben aus Ethno-Öko-Anbau an unschuldige Gläubiger verticken, welche am Vorabend Monitor gesehen haben, wo alles wieder als verseucht und gentechnisiert präsentiert wurde. So angeekelt bin ich noch nicht. Ich esse alles brav auf, was mir die Abpackecke im Billigsupermarkt so bietet. So ging ich also in den Laden, so ganz fesch zwischen Redaktionsaufenthalt und Termin, jovial, wie man in Österreich auch noch sagen könnte, und griff beherzt nach den Patjouly-Räucherstäbchen, die der Inder feilbot. Heureka! Was für ein Anblick. Zwei indisch-deutsche Nickelbrillen-Skinheads, die von einem hageren Jungsporn 4 Mark 95 für eine Packung Räucherkerzen verlangen. Dabei habe ich seit fast fünf Jahren keine mehr gekauft und fühlte mich auch wie ein 14jähiger Bub, der sich das erste Mal in ein Pornokino begibt. (Jaja. Für die Ethno-Kenner, -Schätzer und ­Liebhaber: Patjouly schreibt sich irgendwie anders, aber ich glaube, die Inder wissen selbst nicht so genau, wie man es schreibt, also beruhigt Euch. Es riecht jedenfalls herrlich nach dem alten Mann vom Straßenstand (direkt am Nordportal des Friedhofs von Banjaipur), der dort Ingwer auf einen Brei aus roten Linsen streut und ihn auf Fladenbrot serviert. Wenn dieser Mann einen schlechten Tag erwischt hat und seine Dusche versagt, dann riecht Patjouly genauso wie er.

Im März wache ich wieder auf, höre wieder anständige Jazz-Musik, spiele normale Instrumente und lese ordentliche Bücher. Aber jetzt, jetzt darf ich noch...