Helpensteins Historische Nachrichten III
Dienstag, 17. Juli 2001Leon Helpenstein
Alfred Schuler, geboren 1859, gelangte nicht gerade über Umwege in die neue Publikation des Wiener Historikers Gerd Gugenheimer: "Hitlers Visionäre. Die Okkultisten des Dritten Reiches." Schuler wird in diesem Buch als besonderer Spezie vorgestellt. Er nannte sich selber "die Blutleuchte" und war selbsternannter Mysterien- und Altertumsforscher. Neben Jörg Lanz von Liebenfeld und Guido von Liszt gilt Schuler als einer der angesehensten Verrückten, die das 19. Jahrhundert so hervorgebracht hat.
Eine heitere Anekdote ist beispielsweise Schulers Aufenthalt in Jena in den Jahren 1899-1900. Dort lag nämlich der große Philosoph Friedrich Nietzsche im Dämmerschlaf seines Wahnsinns. Schuler, der sich zu dieser Zeit bereits für einen römisch-antiken Aristokraten hielt, wandte sich an Nietzsches Mutti und bat sie, ihn heilen zu dürfen. Der bekloppte Alfred hatte geplant, den dahin brabbelnden Denker durch korybantische Heiltänze und Schamanengesänge zu heilen. Das abstruse Unterfangen konnte nur nicht durchgeführt werden, weil die verkrachte Existenz Alfred Schulers nicht die finanziellen Mittel aufbringen konnte, um die zu diesem Zwecke unbedingt notwendige Kupferrüstung und einen riesigen Sack voller Mistelzweige zu ordern. Zwei Wahnsinnige in einem Schlafzimmer; und doch kein Erfolgserlebnis. Drei Monate später war Nietzsche tot, die Welt erschüttert und Alfred Schuler immer noch ein mieser, kleiner österreichischer Hinterhofesoteriker.
In die Ewigkeit hat er es nur geschafft, weil ein arbeitsloser Kunstmaler mit Vierecksschnäuzbart aus dem Männerheim an der Meldemannstraße später seine billigen Broschüren über die "Theozoologie der Arier" gelesen hat. Und somit ist Nietzsche um drei Ecken doch irgendwie Schuld am Unheil des 20. Jahrhunderts – und Wagner sowieso und Alfred Schuler, ohne dass er davon gewusst hätte, der Dummbolzen, der elendige.
Im Jahre 1923 starb Schuler, der stets den 1. Mai (das Walpurgisfest) als seinen Geburtstag und Walhalla und manchmal auch Messina als Location seiner Herniederkunft angab, hinterließ unzählige uneheliche Kinder, ein paar Spinner-Bücher und zwei Katzen, welche aber sofort nach seinem Tod geköpft und einbalsamiert wurden. Die Kadaver sollten Schuler als Grabbeilage dienen, doch die Münchner Friedhofsbehörden untersagten dieses jämmerliche Schelmenstück, das das letzte in einer Reihe von Lächerlichkeiten in Schulers Leben werden sollte. Am Ende siegt bodenständige Beamten-Bürokratie über sakralen Schmuh und faulen Zauber – genauso lieben wir´s.