Wie ich einmal um vier Zähne ärmer und um einige Erfahrungen reicher wurde
Freitag, 12. April 2002Becky
Erster Lagebericht
Noch sind sie drin,sollte ich es mir noch einmal überlegen?
Ich pack das schon, so schlimm wird das außerdem bestimmt gar
nicht. Nicht so wie bei David (bei dem haben die Spritzen noch nicht gewirkt und
er hat gemerkt, wie das Skalpell sein Zahnfleisch durchtrennte
...) oder wie bei Tina, bei der sich das gleich zwei mal entzündet hatte (beim ersten Mal wegen
Essensresten
in den Löchern und beim zweiten Mal wegen Alkoholkonsumes...) und
dann war die letzte Geschichte die ich noch gehört habe, bei einer, die fast an der Schwellung erstickt wäre....
Zweiter Lagebericht
Das ist eine ganz gewöhnliche Routine-Op,das macht der doch jeden Tag und mehrmals.
"Guten Tag Frau XXX! Ich darf doch noch Du zu dir sagen?" (Aber nur,wenn ich sie "Böser-Mann-in-weiß" nennen darf)
Ich nuschele meine Antwort,denn ich stell mich ja nicht an. Wenig später sitze ich in einem kleinen normalen Zahnarztzimmer und sehe Elvis-Best of Album-Werbung an. Vor seiner Medikamentensucht hatte der Mann mal tolle Hüften und ich überlege, das ganze komplett ohne Schmerzmittel durchzustehen. Man weiss ja nie.
Eine Helferin hat alles vorbereitet: Vor mir ein Tablett: Meißel, Skalpell, ne kleine Schleifmaschine, Tupfer, Flex und so andere Dinge.
Jetzt ist er zurück, nun bekomme ich die 6 Spritzen, je eine für jeden
Zahn und dann zwei in den Gaumen.
Nun die erste: war ja gar nix
die zweite: grummel
die dritte: ahhh
die vierte: wo hat der das denn gelernt?
Zwanzig Minuten Einwirkzeit für die Betäubung, ich spüre wie mein Kinn scheinbar immer größer und schwerer wird, mein Hals "scheinbar" zuschwillt und ich sofort an das Mädchen denke, das künstlich beatmet werden musste.
Nun ist es aus, ich sabbere vor mich hin, kann nicht mehr schlucken, fühle mich gedemütigt, meiner Sprache beraubt, die einzigen Worte sind jetzt eher Würggeräusche und silbenloses Brabbeln.
Die Helferin, sie scheint mich zu verstehen! Sie lächelt mich an und ich versuche ihr zu erklären, das bei einem Freund die Spritzen nicht gewirkt haben. "Das werden wir ja merken. Wenn es zu stark wehtut sag Bescheid, dann spritzen wir nach!" No comment.
Dritter Lagebericht
Der Ernstfall
Der Doktor ist da,er kommt an mich heran, öffnet mir mit hypnotischen Worten den Mund und er legt los:
Er schnippelt hier, er schneidet da, reißt mir das Zahnfleisch auseinander damit er an die Wurzel kann, auf in den Grund meines Kiefers dort, wo die Kleinen sitzen und darauf warten, als Manschettenknöpfe zu enden. Jetzt schaut er - seine Helferin fleißig und flink mit dem Sauger dort wo mein Blut endet (an den nicht betäubten Stellen meines Gesichtes merke ich die Spritzer )- wo die Dinger sitzen.
Nun schnippelt er noch schnell die Schleimsäckchen ab, die hat jeder Zahn. Jetzt kommt die Schleifmaschine,sie schneidet den Zahn heraus,ich höre das laute Kreischen.
Zu guter letzt: "Jetzt drückt es ein wenig."
Ein furchtbarer Schmerz, er bricht die Wurzelreste heraus, drückt
dabei nochmal schön auf die Nerven.
Dieses viermal vollzogen, dann schnell zwei dicke Tampons in meinen Mund gestopft und die zwanzig Minuten sind um. Da ich nicht mit leeren Händen nach Hause kommen wollte, nahm ich meine Zähne natürlich mit.
So saß ich da und hatte noch keine Schmerzen mit meinem Kühlkissen um den Kopf. Erst am Abend waren sie da, rechneten aber nicht mit Dolomo TN, dem besten Schmerzmittel auf dem Erdenrund. Mein Gesicht schwoll ein wenig an, aber ich konnte mich schließlich von Tomatensuppe und Apfel- und Bananenmatsch ernähren. Keine Erstickungsanfälle, keine blauen Flecken im Gesicht und morgen wird die Schwellung nicht mehr zu sehen sein.
PS: meine letzten Worte vor der OP hätten so klingen können: Ich hoffe ich werde ihre Nasenhaare nicht anstarren.